Von der Vorpommerschen Boddenlandschaft zum Amazonas des Nordens – Eine „Osterspazierfahrt“

Oktober 5, 2019 0 Von Dirk Fischer

Nach etlichen Chartertouren auf den Binnenwasserstraßen der Mecklenburgischen Seenplatte, den Berlinern und Märkischen Gewässern sowie der sogenannten „Großen Runde“ von Waren über Havel, Spree, Elbe und Elde zurück nach Waren im Jahr 2016, reifte in uns der Wunsch, mal einen Törn im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft oder auf der Peene zu unternehmen.

Warum sollte man Beides nicht im Zuge einer Einwegtour miteinander verbinden?

Diese Möglichkeit ergab sich kurzfristig zu Ostern diesen Jahres. Yachtcharter Schulz bot kurzfristig eine Überführungsfahrt einer Gruno 35 Classic Excellent von Barth nach Neukalen an. Wir hatten für die ca. 250 km lange Strecke eine ganze Woche Zeit. Leider war es uns nicht möglich, so kurzfristig noch Urlaub zu bekommen. Somit beschränkte sich die zur Verfügung stehende Zeit nur von Karfreitag bis Ostermontag.

Aber was soll’s, die Strecke ist auch in dieser Zeit zu schaffen. Es sind keine Schleusen zu berücksichtigen, lediglich die Brückenöffnungszeiten der 3 Klappbrücken auf der Peene muss man im Auge behalten. Das traumhafte Wetter über die gesamten 4 Tage und die Ein- und Ausblicke in die gerade aus dem Winterschlaf erwachende Natur, machten diese Reise zu einem einmaligen Erlebnis.

Unsere Eindrücke und Erlebnisse habe ich im folgenden Törnbericht in Wort und Bild einmal zusammengefasst.

Tag 1 19.04.2019

Barth – Glewitzer Wiek 60 km 5,5 Betriebsstunden

Nach knapp 5 Stunden Fahrt kommen wir gegen 11.00 Uhr im Hafen von Neukalen an. Hier stellen wir für die nächsten 4 Tage unser Auto ab. Gegen 11.30 Uhr geht es dann mit dem Taxi nach Barth. Alles ist von Yachtcharter Schulz bestens organisiert und im Angebotspreis inbegriffen. Bleibt noch etwas Zeit sich ein wenig umzuschauen und ein paar Absprachen mit dem Basisleiter von Yachtcharter Schulz zu treffen.

Gegen 12.30 Uhr kommen wir dann im Wirtschaftshafen von Barth an und werden vom freundlichen Taxifahrer bis zum Boot begleitet, da der Weg durch das Werftgelände und über lange und verzweigte Steganlagen wirklich nicht einfach zu finden ist. Besten Dank noch einmal dafür.

Nach Klärung aller Formalitäten, Einweisung in das Boot und dem an Bord bringen unserer Sachen und Vorräte war noch eine kleine Hafenrunde erforderlich, Das Schiff musste noch vollgetankt werden. Gegen 14.30 Uhr konnte es dann endlich losgehen und wir verließen den Barther Hafen in Richtung Barther Bodden.

Ab jetzt heißt es sich strikt an die Betonnung zu halten (wie übrigens überall in den Boddengewässern), denn gerade mal 2 bis 3 Meter neben den Tonnen ist es so flach, dass man es mit bloßem Auge schon an der Färbung des Wassers sehen kann und die Wasservögel direkt neben uns „stehen“.

Über den Barther Bodden, die kleine Wiek, die Kavelnrinne, den Grabow und die Zarrenzinrinne geht es in die Gewässer südlich von Hiddensee und westlich von Rügen. Dann durch die Vierendehlrinne in den Strelasund, wo auch schon bald die Silhouette der neuen Rügendammbrücke und der Volkswerft die Hansestadt Stralsund ankündigt.

Vorbei an Altefähr entscheiden wir uns, aufgrund der fortgeschrittenen Zeit, für den kürzeren Weg Backbord an der Insel Dänholm vorbei, die Strelasundbrücke zu unterqueren und nicht durch den Ziegelgraben zu fahren, da wir dort erst noch durch den Hafen von Stralsund müssten.

Von hier aus sind es jetzt noch ca. 18 km bis zu unserem heutigen Tagesziel der Glewitzer Wiek. Mit der untergehenden Sonne laufen wir unseren heutigen Ankerplatz an. Genau mit dem GPS des Kartenplotters ausgelotet, lassen wir gegen 20.00 Uhr den Anker fallen. Das genaue Einhalten der GPS-Position ist hier in der Glewitzer Wiek besonders wichtig, da ein Teil ganzjährig als Vogelschutzgebiet und ein anderer Teil als Naturschutzgebiet bis zum 01.05. gesperrt ist und hier somit Ankerverbot besteht. Die untergehende Sonne und der aufgehende Mond wechseln sich am Himmel ab, einfach traumhaft.

Tag 2 20.04.2019

Glewitzer Wiek – WWR Anklam 102 km 12,5 Betriebsstunden

Der frühe Vogel fängt den Wurm…

nach diesem Motto stehen wir um 5.00 Uhr morgens auf, um nach ausgiebigen Frühstück und Morgentoilette pünktlich um 6.30 Uhr den Anker zu lichten, denn heute liegt eine lange Etappe vor uns. Auf dem Vogelhaken am Glewitzer Ort ist um diese Zeit sogar schon ein Seeadler zu sehen.

Vorbei an der Fähre Stahlbrode – Glewitz geht es in Richtung Greifswalder Bodden. Der Wind hat etwas aufgefrischt und weht mit 3 – 4 Bft aus Richtung NNO, was in dem relativ flachen Boddengewässer für ähnlich unangenehm kurze Wellen sorgt, wie man sie auch von der Müritz her kennt. Da man sich aber auch im Greifswalder Bodden an die Betonnung halten muss und somit ein „kreuzen“ gegen die Wellen nur bedingt möglich ist, hilft hier nur etwas mehr Gas geben, um etwas mehr Ruhe ins Boot zu bekommen. Vorbei an der in der Ferne liegenden Hansestadt Greifswald und dem stillgelegten KKW Lubmin nähern wir uns langsam der Mündung des Peenestroms. An Backbord sind am Horizont die Steilküsten Rügens zu entdecken.

Die beiden ehemaligen Funkleitfeuer des Flugplatzes von Peenemünde kündigen die Mündung des Peenestroms an.

Schon bald erscheint an Backbord das Kraftwerk der ehemaligen Heeresversuchsanstalt Peenemünde mit dem dazugehörigen Hafen. Gegenüberliegend an Steuerbord befindet sich die Marina Kröslin, ein weiterer Stützpunkt von Yachtcharter Schulz.

Gegen Mittag taucht dann am Horizont die Peenebrücke und die Peenewerft Wolgast auf. Bei unserer Höhe von 3,95 m brauchen wir aber nicht auf die Brückenöffnung zu warten (genau wie bei der später folgenden Zecheriner Brücke) da auch geschlossen mehr als genug Platz für die Durchfahrt bleibt.

Auf der Peenewerft herrscht reger Betrieb. Es sind mehrere Schiffe der saudischen Küstenwache am Ausrüstungskai.

Vorbei an der Einfahrt zum Achterwasser erreichen wir nach einiger Zeit die zweite Verbindung zur Insel Usedom, die Zecheriner Brücke. Wie schon geschrieben brauchen wir uns auch hier nicht an die Öffnungszeiten zu halten. Kurze Zeit später erscheint weithin sichtbar der Hubteil der ehemaligen Karniner Eisenbahnbrücke. Der Hubteil wurde kurz vor Ende des 2. Weltkrieges angehoben und die festen Brückenteile zu beiden Ufern hin gesprengt. Die Brücke war ein Teil der ehemaligen Eisenbahnstrecke Berlin – Swinemünde und verlor nach dem Krieg an Bedeutung. Deshalb wurde sie auch nie wieder aufgebaut. Heute ist sie ein guter Peilpunkt für Skipper die von Stettin aus das Stettiner Haff in Richtung Peenestrom und Achterwasser überqueren wollen. Da wir die Öffnung der Eisenbahnbrücke in Anklam um 18.00 Uhr nicht verpassen wollen, konnten wir uns der Brücke leider nicht weiter nähern.

Nun geht es von der Mündung der Peene in den Peenstrom mit großen Schritten auf die Hansestadt Anklam zu.

Pünktlich um 18.00 Uhr öffnet die Brücke und nach dem Gegenverkehr können wir als einziges Boot die Brücke passieren.

Nach Passage der Brücke, des Hafens und der Stadt wollen wir am Wasserwanderrastplatz der Stadt Anklam festmachen und müssen feststellen, dass dieser eigentlich noch geschlossen hat. Die Saison für den WWR (wie auch für die meisten Häfen und Marinas hier im Revier) beginnt offiziell erst am 1. Mai. Doch wir haben Glück, der Hafenmeister ist aus einem anderen Grund gerade vor Ort und wir bekommen einen Liegeplatz mit Landstromanschluss. Wir sitzen noch eine geraume Weile an Deck und genießen den Sonnenuntergang.

Tag 3 21.04.2019

WWR Anklam – Restaurant Aalbude 76 km 11,5 Betriebsstunden

Auch heute sind wir wieder früh auf den Beinen. Der faszinierende Sonnenaufgang mit dem Nebel, der sich wie ein Schleier über den Fluss legt, muss einfach fotografisch festgehalten werden.

Gegen 7.30 Uhr heißt es dann „Leinen los“. Unser nächstes „Hindernis“, die Klappbrücke Loitz, liegt in 45 km Entfernung. Da wir die nächste Brückenöffnung um 11.00 Uhr, selbst bei der auf der Peene erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 12 km/h, kaum schaffen werden, gehen wir es gemütlich an und gleiten mit 6 km/h der nächsten Brückenöffnung um 15.30 Uhr entgegen. Wir sind die Ersten, die am heutigen Tag ihre sanften Spuren auf der glatten Wasseroberfläche hinterlassen.

Rings um uns Natur pur. Wir können Seeadler und Reiher beobachten, die entlang der Strecke, aber auch in den vielen ehemaligen Torfstichen abseits des Flusses, ihre Nahrung jagen.

Die meisten kleinen Anleger, wie hier der WWR Stolpe sind jetzt im April noch völlig verwaist.

Gegen Mittag kommt Jarmen in Sicht. Wir aber fahren weiter und genießen weiterhin die Schönheit der jetzt mit Macht erwachenden Natur.

Auch der WWR Alt Plestin ist noch nicht aus dem Winterschlaf erwacht.

Wer intensiv seine Blicke schweifen lässt, was bei einer Geschwindigkeit von 6 km/h nicht so schwer ist, kann auch kleine Dinge, wie einen umherkreisenden Rotmilan oder eine durchs Wasser gleitende Ringelnatter entdecken. Die Wiederentdeckung der Langsamkeit ist also nicht nur auf der Elde möglich.

Gegen 15.15 Uhr erreichen wir Loitz. Fast eine Punktlandung. Bis zur Brückenöffnung müssen wir noch etwas warten. Mit ein wenig Verspätung öffnet sich die Brücke und wir können direkt nach 2 Bunbo’s passieren. Nur wie wir eingekuppelt eine Geschwindigkeit von 4 km/h bei der Brückendurchfahrt einhalten sollen, ist uns ein Rätsel? Hauptsache es „blitzt“ niemand.

Direkt hinter uns schließt sich die Brücke wieder und wir müssen nun etwas mehr Fahrt machen, um die knapp 15 km bis Öffnung der Kahldenbrücke in Demmin um 17.10 Uhr zu schaffen.

Pünktlich, gegen 17.00 Uhr kommt Demmin in Sicht und kurz nach unserer Ankunft wird die Brücke hochgeklappt. Nach etwas Gegenverkehr fahren wir durch die Brücke und müssen uns weiterhin „sputen“. Es sind noch knapp 18 km bis zum Restaurant „Aalbude“ und dort ist nur bis 20.00 Uhr geöffnet. Um 18.45 Uhr erreichen wir das Restaurant und können dort direkt davor an dessen Anleger festmachen. Kurz umziehen und dann lecker Essen. Nach kurzer Absprache mit der Chefin, können wir hier auch die Nacht verbringen.

Nach einem ausgiebigen Dinner sitzen wir noch ein wenig auf dem Oberdeck und lassen den Tag ein wenig Revue passieren. Bei all den gesammelten Eindrücken aus der Natur haben wir jedoch eins vermisst. Es wird immer wieder berichtet, dass der Biber hier an der Peene seine Spuren hinterlässt und ab und zu auch zu sehen ist. So sehr wir auch Ausschau hielten, es waren nicht einmal seine charakteristischen Bissspuren irgendwo zu entdecken. Als ob das sein Stichwort war, schwamm just ein Exemplar vom Kummerower See her kommend direkt an unserem Boot vorbei, um kurze Zeit später in der Abenddämmerung zu verschwinden.

Tag 4 22.04.2019

Aalbude – Demmin – Neukalen 45 km 5,5 Betriebsstunden

Unser letzter Tag an Bord. Wir sind wieder zeitig auf den Beinen. Da aufgrund der gestrigen Eile, der letzte Abschnitt von Demmin zur Aalbude fotografisch ein wenig zu kurz gekommen ist und wir für die verbleibenden 8 km bis zum Zielhafen in Neukalen mehr als genug Zeit haben, beschließen wir den Peeneabschnitt bis Demmin noch einmal zu befahren. und im voraus, es hat sich gelohnt.

Durch die andere Tageszeit und dem damit veränderten Sonnenstand, eröffnet sich ein völlig anderer Blickwinkel auf die bereits gestern gefahrene Strecke. Angesichts der frühen Tageszeit gelingt es uns im Umfeld der Peene Rehe, Kraniche und sogar tief im Schilfdickicht verborgene Wildschweine zu entdecken.

Am WWR Trittelwitz ist schon ein wenig Betrieb.

Das Wechselspiel aus am Wasser stehenden toten Bäumen und der erwachenden Natur wirkt schon fast ein wenig mystisch.

So langsam nähert sich unsere Reise dem Ende. Mit der Fahrt über den Kummerower See und dem Neukalener Peenekanal erreichen wir gegen 12.30 Uhr unseren Zielhafen mit dem Stützpunkt von Yachtcharter Schulz in Neukalen.

Nachdem wir das Boot fest vertäut und unsere Sachen ausgeräumt haben, treten wir, mit einem weinenden Auge unsere Heimfahrt an.

Fazit: Wir haben uns mit dieser kurzen und auch teils anstrengenden Reise einen Traum erfüllt. Einen Großteil dazu beigetragen hat auf jeden Fall das hervorragende Wetter. Es gab an allen 4 Tagen Sonnenschein von früh bis spät und Tageshöchstwerte zwischen 17°C und 23°C. Einen weiteren Beitrag hat auf alle Fälle das mit 2 Kajüten und 2 Toiletten und Duschen, für 2 Personen mehr als hervorragend ausgestattete und gepflegte Schiff geleistet. Es hat sich in allen Situationen exakt manövrieren lassen.

Wir haben an den 4 Tagen in 35 Betriebsstunden insgesamt 283 km zurückgelegt und sind somit einen Schnitt von ca. 8 km/h gefahren. Auf die Angabe des verbrauchten Diesels werde ich im Hinblick auf die aktuelle Klimadiskussion mal lieber verzichten. Nur soviel, es bewegte sich in einem vernünftigen Rahmen.

Wir werden auf alle Fälle wieder Bootstouren mit Yachtcharter Schulz unternehmen, zwei wurden seit der Tour schon gemacht und weitere sind in Planung.

Familie Fischer